| „Korallen brauchen Nullwasser“ | Das gilt bei uns nur für SPS: Nitrat 0–3 mg/l und Phosphat 0–0,03 mg/l. LPS, Weich- und Lederkorallen, Krusten- und Scheibenanemonen sowie Gorgonien halten wir nährstoffreicher – Nitrat um 5–20 mg/l, Phosphat 0,05–0,1 mg/l. Wichtiger als der absolute Wert ist, dass die Werte nicht schwanken; sprunghafte KH-Änderungen sind in unserer Praxis der häufigste Grund für Gewebeverlust. | Riffbildende Korallen leben in Symbiose mit Zooxanthellen, die Photosyntheseprodukte liefern; zusätzlich fangen die Polypen Plankton und nehmen gelöste Stoffe auf (Veron 2000). Die Zooxanthellen brauchen dafür Stickstoff und Phosphor – ein Becken ganz ohne Nährstoffe ist kein Riff. |
| „SPS sind nur etwas für Profis“ | SPS brauchen viel Licht, hohe Strömung und vor allem stabile, nährstoffarme Werte – also ein eingefahrenes Becken, nicht das erste Vierteljahr. Montipora, Stylophora, Pocillopora und Seriatopora sind in unserer Praxis der Einstieg in SPS; Acropora kommt danach. | „SPS“ und „LPS“ sind Handelsbegriffe, keine wissenschaftlichen Gruppen. Veron (2000) ordnet die Gattungen nach Familien: Acropora und Montipora stehen in den Acroporidae, Pocillopora, Stylophora und Seriatopora in den Pocilloporidae – die Polypengröße sagt nichts über die Verwandtschaft. |
| „LPS sind Einsteigerkorallen“ | Nur zum Teil. Favia, Favites, Goniastrea und Acanthastrea sind in unserer Praxis wenig anspruchsvoll, wenn Licht und Strömung mittel bleiben und die Werte stabil sind. Euphyllia, Chalice, Goniopora, Symphyllia und Platygyra stufen wir als anspruchsvoll ein – sie reagieren empfindlich auf schwankende KH, zu viel Licht oder zu direkte Strömung. | Viele Handelsnamen sind wissenschaftlich überholt: Indopazifische Favia werden seit Budd et al. (2012) als Dipsastraea geführt, Acanthastrea lordhowensis seit Arrigoni et al. (2016) als Micromussa, Hammer- und Froschlaichkorallen seit Luzon et al. (2017) als Fimbriaphyllia. Im Handel bleiben die alten Namen. |
| „WYSIWYG – aber Blaulichtfotos täuschen“ | Bei uns heißt WYSIWYG: Du bekommst genau das Stück auf dem Foto, nicht ein Beispielbild der Art. Wir fotografieren unter blaulastiger Beleuchtung mit Orangefilter und achten auf eine möglichst realistische Darstellung. Wie die Koralle bei dir aussieht, hängt von deinem Licht, deinen Wasserwerten und der Strömung ab – unter reinem Tageslicht wirken viele Farben blasser. | Die Farben kommen aus zwei Quellen: den braunen Pigmenten der Zooxanthellen und körpereigenen fluoreszierenden Proteinen im Korallengewebe, die kurzwelliges blaues Licht in längerwelliges umwandeln. Deshalb leuchten Korallen unter Blaulicht, unter Tageslicht sieht man vor allem das Braun der Zooxanthellen (allgemeine Korallenbiologie). |
| „Korallen muss man füttern“ | Alle Korallen in unseren Gruppen leben über ihre Zooxanthellen vom Licht – füttern musst du nicht. Gezielte Gaben von tierischem Plankton oder feinem Frostfutter nehmen LPS gern und wachsen damit etwas schneller; bei Goniopora und Gorgonien macht regelmäßiges Plankton in unserer Erfahrung den Unterschied. Zu viel Futter verschlechtert nur die Wasserwerte. | Zooxanthellate Korallen decken den größten Teil ihres Energiebedarfs über die Photosynthese der Symbionten, ergänzen ihn aber durch Planktonfang (Veron 2000). Azooxanthellate Korallen wie Tubastrea haben keine Symbionten und müssen gefüttert werden – solche Arten führen wir nur in Ausnahmefällen. |
| „Nesseln tun nur Euphyllien“ | Euphyllia und Platygyra nesseln stark, aber auch Favia, Goniastrea, Chalice, Acanthastrea und Lobophyllia bilden nachts Kehrtentakel oder blähen ihr Gewebe über den Skelettrand. Zu anderen Gattungen daher einige Zentimeter Abstand, zu Euphyllia mindestens 10 cm. Weich- und Lederkorallen, Krusten- und Scheibenanemonen nesseln kaum, verdrängen Nachbarn aber durch Überwachsen; Lederkorallen geben Terpene ins Wasser ab. | Nesselzellen sind das gemeinsame Merkmal aller Nesseltiere (Cnidaria), zu denen Stein-, Weichkorallen und Anemonen gehören. Zoanthus und Palythoa können zusätzlich Palytoxin enthalten, eines der stärksten bekannten Naturgifte; Vergiftungen beim Hantieren mit Kolonien sind dokumentiert (Deeds & Schwartz 2010, Toxicon 56: 150–162) – deshalb Handschuhe und keine Arbeiten außerhalb des Wassers. |
| „Der Name auf dem Etikett ist die Art“ | Handelsnamen wie „Chalice“, „Hammerkoralle“ oder „Fire & Ice“ sind keine Artnamen. Hinter „Chalice“ stehen vor allem Echinophyllia, Mycedium und Oxypora; am lebenden Stück lässt sich die Gattung oft nicht sicher bestimmen. Wir schreiben dazu, was wir sicher wissen – und markieren den Rest als Handelsname. | Die Systematik der Steinkorallen wurde mit molekularen Methoden mehrfach umgebaut: Budd et al. (2012) für die Mussidae/Merulinidae, Arrigoni et al. (2016) für Micromussa und Homophyllia, Luzon et al. (2017) für Euphyllia und Fimbriaphyllia. Für die Haltung ändert sich dadurch nichts. |